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Bezaubernde Bilder trotz trüben Himmels

Nordwestdeutsche Philharmonie und Tanzprojekt Ratsgymnasium begeistern bei Klassik-Open-Air auf dem Kleinen Domhof


Von Hans-Jürgen Amtage


Minden (mt). Temperaturen um 12 Grad, ein trüber Abendhimmel und Regenschauer ließen gestern Abend alles andere als eine Open-Air-Stimmung auf dem Kleinen Domhof aufkommen. Dennoch tröstete Modest Mussorgskys ,Bilder einer Ausstellung" beim Mindener Sommernachtstraum über die ,himmlischen Umstände" hinweg.

In geheimnisvoll-märchenhafte Sphären führte die Nordwestdeutsche Philharmonie unter der Leitung des jungen Dirigenten André de Ridder, der unter anderem bereits mit dem Philharmonia Orchestra in der Royal Festival Hall in London, dem BBC Philharmonic Orchestra und Royal Liverpool Philharmonic Orchestra zusammenarbeitete, die rund 750 Klassikfreunde, die sich unter den entlaubten Platanen des Kleinen Domhofes zum von der Minden Marketing GmbH (MMG) mit Sponsorenhilfe veranstalteten Open-Air-Konzert eingefunden hatten. Dabei gilt Modest Mussorgskys Klavierzyklus ,Bilder einer Ausstellung" neben seiner Oper ,Boris Godunow" als bekannteste Tonschöpfung des russischen Komponisten, die gestern in einer Orchesterfassung, die Maurice Ravel 1922 schrieb, aufgeführt wurde.

In die zauberhafte Atmosphäre vor dem Dom, der vom renommierten Lichtdesigner Teddy Götz in blaue, grüne und rote Farben getaucht wurde, führten die Musiker der ,NWD" mit den sieben Tänzen aus der Oper ,Fürst Igor" von Alexander Borodin, den ,Polowetzer Tänzen", ein. Ein Eröffnungsstück, das in vielen Konzerten als nahezu unverzichtbar gilt.

Sergej Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 ist ebenfalls ein Höhepunkt der klassischen Musikliteratur und wurde vom Mindener Publikum begeistert aufgenommen. Den Solopart in diesem sehr romantischen und virtuosen Werk des russischen Komponisten spielte der russische Pianist Lev Vinocour, der schon als 13-Jähriger mit den Leningrader Philharmonikern debütierte und zahlreiche erste Preise bei internationalen Klavierwettbewerben erzielte.

Bei Wein und anderen edlen Genüssen konnten die Zuhörer nach der Pause dann die ,Bilder einer Ausstellung" mit den Ohren und - mit Unterstützung des Tanzprojektes des Ratsgymnasiums - auch den Augen erleben. In seiner Suite gestaltete Mussorgsky musikalisch zehn Bilder seines überraschend verstorbenen Freundes Viktor Hartmann, gegliedert durch die viermal wiederkehrende ,Promenade", die den Betrachter beim Gang durch die Ausstellung zeigt. Die ,Promenade" steht auch am Anfang der ,Bilder einer Ausstellung", bei den Wiederholungen weist sie aber einen anderen Charakter auf, der sich aus der veränderten Stimmung durch die vorangehende Bildbetrachtung erklärt.

Dem ersten Bild ,Der Gnom" liegt eine Zeichnung eines Nussknackerartigen Weihnachtsschmucks zugrunde. Modest Mussorgsky gestaltete daraus ein Porträt eines kleinen Zwerges, der linkisch auf missgestalteten Beinen einhergeht. Im ,Alten Schloss" stimmt ein mittelalterlicher Troubadour seine Romanze an, bis in den ,Tuilerien" streitende Kinder im Garten der Tuilierien zusammen mit ihren Gouvernanten nachgezeichnet werden. Das kraftvolle nächste Bild lässt einen ,Bydlo", einen polnischen Ochsenkarren, am Betrachter vorbei poltern und langsam wieder verschwinden.

Für das Scherzino ,Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen" ließ Mussorgsky sich von einem Kostümentwurf Hartmanns für das Ballett ,Trilby" , das 1871 in Petersburg uraufgeführt wurde, inspirieren. ,Samuel Goldenberg und Schmuyle - Zwei polnische Juden, der eine reich, der andere arm" ist der Titel der Schilderung zweier Charaktere, die zuerst isoliert und am Ende aufeinander einredend dargestellt werden. Noch einmal wird es laut und hektisch, wenn auf dem ,Marktplatz von Limoges" französische Marktweiber schreien und zanken. Dann wird Hartmann selbst gezeigt, wie er die ,Katakomben" von Paris beim Licht einer Laterne untersucht.

Mussorgsky notierte dazu in der Partitur die Worte ,con mortuis in lingua mortua" (mit den Toten in der Sprache der Toten) und dann auf russisch ,Der schöpferische Geist des verstorbenen Hartmann führt mich zu den Schädeln und ruft sie an - die Schädel beginnen im Inneren sanft zu leuchten".

Durch eine Variation des Promenadenmotivs stellt sich Mussorgsky als Betrachter selbst mit Hartmann dar, bevor er im nächsten Bild die russische Hexe ,Baba Yaga" einen wilden Hexenritt vollführen lässt. Den Abschluss des Werkes bildet Hartmanns Zeichnung des ,Großen Tores von Kiew", ein Architekturentwurf eines Tores im altrussischen Stil mit einer Kuppel in Form eines slawischen Helms. Die Basis dieses monumentalen Schlussgemäldes ist wieder die ,Promenade", die gestern Abend einem Opernfinale glich.

Die Schülerinnen des Tanzprojekes des Ratsgymnasiums ließen unter anderem die Bilder ,Der Gnom" und das ,Ballett der Küchlein" lebendig werden. In beeindruckenden Kostümen und überdimensionalen Bilderrahmen wurde die Musik ,sichtbar".

Bilder einer Ausstellung auch auf dem Kleinen Domhof. Kunstlehrer Ulrich Kügler hatte mit Schülerinnen und Schülern des Rats-Grundkurses Kunst das Thema ,Selbstporträt" bearbeitet. Entstanden waren dabei detailgetreue Porträts der Pennäler, die gestern Abend ausgestellt wurden.

Heute Nachmittag erwartet vor allem die jungen Musikfreunde ein besonderer Leckerbissen auf dem Klassik-Open-Air-Gelände am Dom: Das Kinder-Musical ,Der Regenbogenfisch", nach dem gleichnamigen Bilderbuchklassiker, beginnt um 16 Uhr.

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19.06.2004
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